4. September - Erdbeben in Christchurch

Einer von vielen Glückspilzen: meine selbst gezüchtete Avocado kurz vorm Absturz. Mein Monitor hingegen konnte trotz seines breiten Fußes dem Beben nicht standhalten, landete aber auf einem Radiergummi. (

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Schwerstes Erdbeben seit 1931
Böses Erwachen: Um 4:35 Uhr wurde die Stadt aus dem Schlaf gerissen. Der Boden wackelte. Das ist normalerweise nicht so wild, da wir Nahe einer Bahnschiene wohnen und schwer beladene Güterzüge immer mal wieder für etwas Erdbewegung sorgen. Aber das heute morgen war alles andere als angenehm. Heftige Bodenwellen haben das ganze Haus zum Wanken gebracht. Stehen war kaum noch möglich. Überall krachte und schepperte es: ein Schrank fiel um, in der Garage leerten sich die Regale, eine Leiter fiel aufs Auto, Glas ging zu Bruch, ... Der Horror dauerte eine Minute. Dann war es ruhig. Lediglich ein paar Alarmanlagen heulten. Kurz darauf starteten die Sirenen vom Notdienst.
Kaum dass das Hauptbeben vorbei war, prüften wir kurz das Haus, klopften bei den Nachbarn und erkundigten uns, wie es denen geht. Mei da wohnst du links und rechts zwischen Polizisten und da glaube mal einer, die kümmern sich um die Nachbarschaft. Bei einem versperrte eine schwere Statue den Eingang. Danach packten wir unsere sieben Sachen (Erdbeben-Notfall-Paket - das meiste spontan plus unser Notfallwasser). Man solle stets ein batteriebetriebenes Radio bei sich haben - allerdings funkten die Radiostationen nichts. Also ab ins Auto und rauf auf einen Berg. Als Erdbebenneuling nahe dem Wasser war mir das wichtig, falls irgendwo ein Tsunami auf uns zurollen sollte. Hoch oben auf 400 Meter war die Stadt gut zu überschauen. Radio ging auch.

Dunkler Sonnenaufgang: 75 Prozent der Stadt ohne Strom (

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Zu den Fakten: 7,1 auf der Richterskala, etwa 40 Kilometer westlich vom Stadtzentrum und etwa 12 Kilometer unter der Erdoberfläche - soweit die News aus dem Radio. Also: kein Tsunami. Trotzdem sind einige Teile der Stadt überschwemmt. Bis Mittag (jetzt) 17 größere Nachbeben zwischen 3,9 und 5,3. In etwa 75 Prozent aller Haushalte fiel der Strom aus, auch bei uns, und fast nirgendwo gibt es Frischwasser. Glücklicherweise hatten wir für einige Tage vorgesorgt, falls mal ein Beben kommen sollte. Wir werden zumindest bis nächste Woche locker überleben. Schlimmer ist: die Abwasserkanäle haben schweren Schaden erlitten. Alte Häuser hat es teilweise richtig erwischt, Schornsteine fielen um, ganze Hauswände sind zusammengebrochen, Straßenlaternen sind umgeknickt, Autos demoliert.
Bilder vom NZ Herald
Der Flughafen ist gesperrt. Das Schienenverkehr auf der Südinsel komplett eingestellt. Der Notstand wurde ausgerufen - wohl bis mindestens Montagmittag, wenn ich mich recht entsinne. Keine Ahnung, wann Wasser und Abwasser wieder funktionieren. Könnte sein, dass in Kürze etwas mehr Chaos ausbricht, wenn die Probleme nicht behoben werden können.

Was nicht umfiel, rutschte auf eine andere Position (

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Das Beben war ein guter Grund, den Sonnenaufgang über der Stadt zu beobachten. Immer wieder gab es Nachbeben. Dabei im Auto unter freiem Himmel zu sitzen ist etwas unverkrampfter. Danach ging es wieder heim. Der Campingkocher musste für ein leckeres Frühstück herhalten: Cappuccino und Rührei.

Chaos in der Garage (

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Im Radio gibt es derzeit nur zwei Themen: das Erdbeben und der Dauerbrenner Sport. Das darf einfach nicht fehlen. Musik wird auf einigen Sendern gar nicht gespielt, dafür kommen vereinzelt Werbungen zu Haushaltsversicherungen - da haben manche scheinbar ganz schnell Geschäft gewittert. Muss mal schauen, ob unsere Schäden bezahlt werden. Die hielten sich zum Glück in Grenzen.
So viel der erste Bericht aus dem Katastrophengebiet. Zusammengefasst: Alle leben noch. Das ist das Wichtigste. Doch der Schrecken sitzt noch immer tief.

Hat das Beben nicht überlebt: Schuhschrank ist in Einzelteile zerbrochen (

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Wie geht es weiter? Derzeit habe ich noch keine Ahnung. Strom ist zumindest bei uns wieder da. Doch es gibt immer noch kleine Aussetzer. Christchurch soll am Abend zu 90 Prozent unter Energie sein. Ich hoffe, man bekommt die Abwasserprobleme in den Griff. Sonst wird es schmutzig. Ob ich am Montag wieder arbeite, ist unklar. Ich weiß noch nicht einmal, wie das Bürogebäude aussieht. Wahrscheinlich ist da nicht wirklich was mit Arbeiten. Zumindest für heute ist strahlendes Wetter angesagt. Die Sonne wird die Wohnung heizen und für die Helfer in der Stadt dürfte sich das Aufräumen leichter gestalten.
Unser Auto bleibt gepackt, sollte doch noch eine Welle kommen.
5. September - Am Tag danach

Brücke nach dem gestrigen Beben (Quelle: NZ Herald) (

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Zuerst ganz lieben Dank an die vielen, die an uns gedacht haben, einschließlich Infos aus der alten Heimat: Nachrichtenagentur Reuters über das
Erdbeben in Christchurch
Am Abend kamen noch die Nachbarn und bedankten sich, dass wir in der Früh bei ihnen geklopft hatten. Einer brachte eine Flasche Wein. Die steht jetzt im Regal mit der Aufschrift "Earthquake Christchurch 4/9/2010". Sie wird vielleicht in einem Jahr zum Anlass geköpft werden.
Die Nacht blieb spannend: immer wieder Nachbeben, einige davon so stark, dass ich aufwachte. Ansonsten blieb es ruhig hier im Heathcote Valley. Doch auch der Morgen war und ist von Nachbeben gezeichnet und ein Ende scheint noch nicht in Sicht. Gefühlt haben manche noch immer eine Stärke zwischen 4 und 5 auf der Richterskala. Folglich bleibt das Auto gepackt und innerhalb von wenigen Minuten sind wir auf dem Berg - sollte doch noch ein Tsunami kommen. Das dürfte allerdings unwahrscheinlich bleiben - zum Glück.

Schwerer Schrank hatte sich um mehr als einen Zentimeter verrückt (

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Für diesen Abend sind schwere Unwetter vorhergesagt. Das sind ziemlich düstere Aussichten, denn die Aufräumarbeiten werden dann eingestellt werden müssen. Derzeit haben etwa 95 Prozent aller Haushalte wieder Strom. Das heißt das noch immer über 15.000 Menschen keine Energie haben. Darunter befindet sich auch eine Kollegin. Sie und ihre Familie wohnt derzeit bei Freunden. Weit mehr Menschen haben Probleme mit Wasser (15 Prozent) und Abwasser. Einige Stadtteile werden für Wochen gesperrt bleiben. Die Zahl der Schwerverletzten blieb bei zwei - das ist die gute Nachricht.
Bilder von Stuff.co.nz

Gepackter Kofferraum (

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Gestern war über Nacht Ausgangssperre verhängt worden. Das wird wohl auch heute der Fall sein. Das Büro von
Intergen in Christchurch soll noch stehen. Allerdings seien etwa 15 Fenster zu Bruch gegangen und es sähe etwas "messy" aus. Da derzeit Glas etwas schwer zu bekommen sei, werden sich die Reparaturen etwas hinziehen. Technik läuft wieder und man könne zumindest remote arbeiten.
Heute Nachmittag sind wir in der Gegend spazieren gegangen und haben mal nach dem Rechten gesehen. Das Tal sieht soweit ganz gut aus. Hier und da sind Risse in der Straße und im Erdreich zu sehen. Der Pub hat scheinbar am meisten gelitten, im Vergleich zur Katastrophe im Stadtkern ist das allerdings harmlos.
Bilder von Daily Mail Online

Heathcote Valleys Pub (

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Die Nachbeben haben etwas nachgelassen. Habe die Pause genutzt, um noch den Rasen zu mähen. Ein bissl Spießbürgertum muss auch sein, nachdem im Haus wieder alles in Ordnung ist. Habe in der Zwischenzeit auch Neuigkeiten von der Firma bekommen. Morgen geht's nur online auf Arbeit. Werde mich von daheim einwählen und arbeiten. Das Büro bleibt vorerst geschlossen.
7. September - Nachbeben
Die Nacht war wieder unruhig. Es gab erneut und fast pausenlos Nachbeben. Das setzte sich in den frühen Morgenstunden fort und wird wohl noch eine zeitlang so weiter gehen. Zwischen gestern Abend und heute Morgen gab es allein 18 größere Rüttler, darunter drei mit einem Ausschlag von über 5 auf der Richterskala. Mehr und aktuelle Infos hier:
GeoNet
8. September - Im Epizentrum

Epizentrum des letzten Nachbebens nur 1.500 Meter vom Haus entfernt (

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Autsch. Da meinte ich, lange ausschlafen würde mir heute gut tun und prompt wurde ich von einem weiteren Nachbeben überrascht. Das ist zwar inzwischen nichts besonderes mehr; außergewöhnlich war allerdings, dass es keine Vorwarnung gab.
Normalerweise kann man hören, dass ein Beben kommt. Das fühlt sich an als wenn ein schwer beladener Güterzug anrollt. Diesmal allerdings war nichts dergleichen. Von einem Moment auf den nächsten gab es einen Mordsschlag und das Haus rutschte hin und her. Das ganze dauerte etwa zehn bis 15 Sekunden. Und von der Stärke kam es mir vor, als ob es nahe dem initialen Beben vom 4. September war, nur kürzer. Wieder sind überall im Haus Sachen umgefallen. Zu Bruch ging diesmal glücklicherweise nichts.
Der Strom fiel aus, fünf Minuten später klopfte der Nachbar (super!). Eine halbe Stunde später kam der Strom zurück und ich ging online. Das Beben war zwar
nur von der Stärke 5,1, das Epizentrum lag allerdings nur etwa anderthalb Kilometer vom Haus entfernt und befand sich nur sechs Kilometer unter der Erdoberfläche. Das erklärt dann auch die fehlende Vorwarnung. Details zu diesem Schocker gibt's hier:
GeoNet Report
Wieder eine neue Erdbebenerfahrung. Und es rumpelt gerade die ganze Zeit. Genau auf dem Bebenzentrum zu hocken ist eher beunruhigend. Im Stadtzentrum ist der Strom komplett ausgefallen. Mit Arbeiten ist demnach nichts, da die Server dort stehen. Doch ohne Strom lässt sich mit denen nicht viel anfangen.
Heute morgen haben einige Schulen wieder den Betrieb aufgenommen - das scheint mir etwas unverantwortlich. Ich frage mich, ob das neuerliche Beben und die danach nicht doch dafür sorgen, dass das Stadtleben mehr oder weniger für eine Woche zum Erliegen kommen könnte. Wir waren gestern in einem Supermarkt groß einkaufen. Abgesehen von H-Milch und Wasser gab es auch alles - und entgegen einiger Spekulationen auch zum normalen Preis.
10. September - Filmeindrücke vom Bebenland
Inzwischen beruhigen sich die Nachbeben etwas. Noch immer schunkelt und schaukelt es, aber in eher angenehmen Maße. Bin gestern in die abgesperrte Zone. Sonst wachten Soldaten über alle Zugänge, doch mit einem Kollegen habe ich eine Lücke gefunden, an der nur eine Polizistin stand. Nach kurzem Schwatz hat sie uns durchgelassen.
Die ersten Häuser sind abgerissen und ich vermute, dass demnächst der Wiederaufbau beginnen wird. Das sorgt für Arbeitsauslastung in der Gegend. Unser Büro is soweit wieder in Ordnung. Die Fenster sind jetzt doppelglasig: außen kaputt und innen mit Klebeband befestigt. Gut möglich, dass wir ab nächster Woche wieder normal arbeiten.